Papua Barat (=Irian Jaya) 2000

ein Expeditionsbericht

Am 19. Januar des Jahres 2000 starteten André Michalczyk, Alban Pfeifer und Norman zu einer vierwöchigen Expedition nach Irian Jaya, das von den einheimischen Papuas seit kurzem auch wieder Papua Barat (=West-Papua) bezeichnet werden darf.

Nach Zwischenauffenthalten auf Bali und Sulawesi landeten wir schließlich in Jayapura. Eine kurze Tour führte uns zum Mt. Cyclops. Die meiste Zeit verbrachten wir aber im Jayawijaya-Gebirge inmitten des Landes. Im dortigen Baliem-Valley, mit dem Hauptort Wamena, ist eine Kultur zu finden, die sich gerade im Aufbruch von der Steinzeit in die Moderne befindet. Hier konnten wir noch (!) einiges an recht ursprünglichen Lebensweisen beobachten und filmen, sowie den schleichenden Kulturverlust, der immer stärker um sich greift.

Neben den ethnologischen Beobachtungen waren wir auch im zoologischen und botanischen aktiv und haben der Sammlung des Phyllodrom wieder einigen Zuwachs verschafft. Filme, Dias, ethnologische, botanische, zoologische und auch paläontologische Originale machten die Hauptlast unseres Rückreisegepäcks aus.

Im folgenden wollen wir einen ersten Bericht über den Verlauf der Reise geben. Die endgültige Auswertung wird - wie woanders auch - noch lange brauchen.

Sentani

Nach den zahlreichen Zwischenstopps, landeten wir am Samstag (22.1.) auf dem Flughafen von Sentani, einer Stadt in der Nähe der Provinzhauptstadt Jayapura, gelegen am Sentani-See. Gleich auf dem Flughafen wurden wir von Usman begrüßt, einem Indonesier, den André schon vom Vorjahr her kannte. Er begleitete uns zum Hotel und stellte uns dort einem Einheimischen vor, den er uns als Führer (guide) für unsere Tour ins Baliem-Valley empfahl. Es war Amos Yikwa, ein Angehöriger der Lani. Wir beschlossen, uns am nächsten Tag auf einer kleinen Tour zum Mt. Cyclops diesen Guide erst einmal näher kennenzulernen, da von vielen Seiten generell schlechtes über einige Guides gesagt wird, wie z.B., sie seien unzuverlässig, geldgierig usw.

Da es unsagbar schwül war, brauchten wir den ganzen Samstag, um uns überhaupt erst einmal an dieses Klima zu gewöhnen. Am Abend sind wir schon mit Amos noch einen kleinen Einkaufstrip durch Sentani gegangen, um noch ein paar Utensilien für die weitere Reise zu besorgen. Am nächsten Tag (24.1.) sind wir dann mit Amos zum Mt. Cyclops aufgebrochen, dem Hausberg von Sentani. Eigentlich ist es ein ganzer Gebirgszug, der sich an der Küste entlang zieht, aber Mt. Cyclops ist auch der eine Berg, der direkt bei Sentani sich befindet.

Zuerst lernten wir eine Siedlung der Dani kennen, die jetzt auch im Sentani-Gebiet leben. Ursprünglich stammten sie wie andere Zuwanderer auch aus dem Baliem-Valley, unserem eigentlichen Reiseziel. Das Dani-Land ist hier durch die Typischen Gärten geprägt, in denen alle lebenswichtigen Kulturpflanzen herangezogen werden. Die ursprünglich am Sentani-Lake siedelnden Papuas (auch Sentanis genannt) leben hingegen vorwiegend vom Fischfang. Während unserer Wanderung durch das Dani-Land konnten wir von Amos viel über die Kultur seines Volkes erfahren, insbesondere über die etwas modernere Lebensweise hier vor Ort, in Sentani.

Das Dani-Land grenzt unmittelbar an den Bergregenwald des Mt. Cyclops. Der Wechsel von der anstrengenden heißen Kulturlandschaft in den Bergregenwald brachte uns etwas Erleichterung. Allerdings schafften wir es keine 10m in den Wald – schon waren wir von der dortigen Natur gefesselt und haben uns quasi am ersten Baum festgebissen. Die Vielzahl der Flechten die sich mosaikartig auf einer Brettwurzel ansiedelten, winzige Käfer und anderes mehr zogen uns in den Bann.

Eine für uns äußerst faszinierende Erscheinung fanden wir auf einer dieser Flechten. Das Ding fiel gar nicht auf, total grau wie die Flechte selbst, ebenso in der Oberflächenstruktur. Erst als es sich bewegte, konnten wir es überhaupt sehen: es sah auf dem ersten Blick aus wie eine Flechtenspinne. Allerdings war die Fortbewegungsweise für eine Spinne völlig untypisch – eine Spinne würde sich niemals nur mit dem linken Vorderbein und dem rechten Hinterbein bewegen. Beim genaueren Hinsehen erkannten wir, das es eine Spannerraupe war, die seitlich je 3 Fortsätze hatte, welche dem Vorderende und dem Hinterende des Raupenkörpers sehr stark ähnelten. Hochachtung vor diesem Meister der Tarnung!

Als wir dann endlich doch ein Stück den Bergregenwald hineingingen, beeindruckte uns vor allem die Vielfalt der Farne und der Palmen sowie die auf deren Blättern siedelnden Aufsitzern (Epiphylle), insbesondere Moose und auch Flechten.

Amos erwies sich bereits auf unserer ersten Tour als recht guter Naturkenner. Er ist nicht der ausgebildete Biologe, aber mehr als ein nur interessierter Laie. Er konnte uns reichlich über Land und Leute berichten, wertvolle Hinweise für unseren Aufenthalt geben und vor allem gab er uns das Gefühl der Vertrauenswürdigkeit. So haben wir uns sehr leicht entschließen können ihn als unseren Führer für das Baliem-Valley zu verpflichten – eine Entscheidung, die wir im Nachhinein nicht bereut haben (auch wenn es gelegentlich etwas zu bemängeln gab).

Am Montag (24.1.) hatten wir in Jayapura zuerst eine Reihe von Formalitäten zu erledigen: ein "Surat Jalan" (=Aufenthaltsgenehmigung) für die vorgesehenen Gebiete besorgen, das letzte Geld tauschen, Alkohol zum konservieren kaufen, u.a.m. Auf Vorschlag von Usman sind wir auf den Hausberg von Jayapura, dem Polimac hochgefahren (mit unserem Tages-Taxi). Es gab dort eine wunderschöne Aussicht auf die Bucht und die bergige Umgebung von Jayapura. Man sieht aber auch, wie sich die Zivilisation in die Gegend "hineinfrißt" und wie die Dunstglocke der Stadt in den Tälern hängenbleibt. Schließlich zeigte uns Usman noch die örtliche Krokodilfarm.

Nach Wamena

Bereits am Dienstag morgen machten wir uns auf den Weg nach Wamena. Wir flogen mit Trigana Air. Wir hatten auch das Glück, nicht soviel Übergepäck bezahlen zu müssen. Amos hatte bereits einige Lebensmittel eingekauft und dies wog auch noch einiges.

Während des Fluges konnten wir einen kleinen Eindruck von der Größe der Regenwaldgebiete gewinnen, die noch relativ intakt schienen. Im Gebirge allerdings sahen wir das Ausmaß der Einflüsse des Menschen – und diese Menschen leben noch relativ naturverträglich.

Auf dem Flughafen von Wamena befanden wir uns wieder mal in einer völlig anderen Welt. Die vielen Papuas um uns herum, die sich geschäftig als guide oder Träger anboten, die entweder gar nicht oder nur sehr schlecht englisch sprachen, forderten unsere Gelassenheit ganz schön heraus. Amos war im Prinzip der einzige Ansprechpartner für uns. Wir wußten zwar, daß er noch zwei Verwandte hatte, mit denen er ein "Reisebüro" veranstaltete, aber diese Leute kannten wir noch nicht. Wir hatten vor allem den vielen auf uns gerichteten Blicken zu widerstehen – als Weißer ist man noch immer ein Exot, auch wenn in Wamena immer ein paar Touristen anwesend sind und dies eigentlich normal sein sollte.

Wir wurden von einem netten, ruhigen Indonesier namens Hendryk vom Flughafen abgeholt. Dieser betreibt mit seiner Familie ein Hotel am Rande der Stadt. Dort konnten wir uns ganz kurze Zeit ausruhen und vor allem unsere beiden neuen Begleiter Mir Yikwa und Kipenus Wenda kennenlernen. Amos, Mir und Kipenus bilden eine Companie, eine travel agency für trecking-Touristen. Wobei Amos als Kopf der Truppe unser guide ist, Mir unser Koch und Kipenus der Träger.

Nach einer kurzen Erholung gingen wir gemeinsam auf den Neuen Markt von Wamena. Anschließend führte man uns in das lokale Museum, das vor allem die Kultur der in der Region lebenden Dani, Lani und Yali zeigt. Unserem Eindruck nach müssen im Monat vielleicht nur eine Handvoll Besucher kommen. Die Eintragungen im Besucherbuch sagen dies ebenso deutlich wie zentimeterdicke Staubschichten auf den Vitrinen. Unsere Begleiter versuchten uns alles zu erklären. Es fiel uns anfangs nur schwer, Dani, Lani und Yali stets gut auseinanderzuhalten – es waren einfach zu viele Informationen auf einmal. Aber irgendwie wollten wir auch viel wissen, um diese Daten auch für unsere Vereinsarbeit zu erhalten.

Während des Museumsbesuches hatte Amos sich um die Genehmigung für die Einreise in ein eigentlich gesperrtes Gebiet bemüht. Es handelt sich um das Gebiet des Lake Habema. So saßen wir am Abend nochmals zusammen und besprachen den Plan für die nächste Zeit, einschließlich des leidigen Themas der Finanzen.

Lake Habema

Anreise

Der Mittwoch Morgen begann mit einigen Diskussion und einer größeren Beladeaktion des Fahrzeuges. Amos hatte leider die Menge unseres Gepäcks und die Zahl der mitfahrenden Personen unter- und die Kapazität des Fahrzeuges überschätzt. Mit nunmehr zwei Fahrzeugen und zwei Begleitern des indonesischen Militärs fuhren wir dann auf einer teilweise fast unpassierbaren "Straße" weiter ins Gebirge hoch, vorbei an stark brandgeschädigten Wäldern. An zwei Stellen war die Straße so ausgehöhlt und schlammig, daß erst ein längerer Anlauf und kräftiges Schieben darüber hinweg halfen. Manche Steigung konnte nur überwunden werden, indem bis auf den Fahrer alle ausstiegen und mit geschoben haben.

Nach einer 3-stündigen Fahrt sind wir dann im Gebiet des Habema Lakes (ca. 3300 m NN) endlich angekommen. André hatte Schwierigkeiten sich an die Höhe (3300m) zu gewöhnen. Ihm wurde es Anfangs öfters schwindelig.

Es herrschte trübes Wetter und die Temperatur war zum frösteln (nur 17°C). Dennoch war der Anblick beeindruckend: von der Straße aus konnte man den schön gelegenen Habema Lake und unser künftiges Quartier sehen. Zwischen uns und dem Quartier lag nur noch eine Graslandschaft, durchzogen von einem Flüßchen. Allerdings hatten wir dieses kurze Stück erheblich unterschätzt: es war ein nicht leicht passierbares Sumpfgebiet, daß wir erst nach einer halben Stunde torkeligen Marsches überwunden hatten. Hochachtung vor unseren Trägern, die hier unsere große und schwere Alu-Box (ca. 35 kg) abwechselnd allein (!) durch diesen Sumpf bugsierten. An den 2 Hütten angekommen, richteten wir uns sofort häuslich ein, während sich unsere 3 Begleiter um Feuerholz und heißes Wasser für einen ersten Tee kümmerten. Eine der Hütten war für unsere 3 Begleiter und diente uns allen als "Küche". Die andere hatte zwei Etage, dafür aber keine Außenwände. In die obere Etage bauten wir unsere Zelte ein, das Erdgeschoß sollte dann der Arbeitsplatz sein.

Am Habema Lake

Kurz nach der Ankunft inspizierten wir die unmittelbare Umgebung des Camps. Die Senke des Sees ist ein Hochmoor mit einigen vereinzelten Wasserlöchern und Wasserläufen. An den Hängen befand sich ein - teilweise niedergebrannter – Bestand sehr niedriger Koniferen (vergleichbar mit unseren Krüppelkiefern). Entlang der Fließgewässer gab es kleinere Bestände an Baumfarnen. Und überall wuchsen Unmengen an Moosen und Flechten sowie auch Orchideen. Zahlreiche Pflanzen ähnelten uns bekannten Pflanzen vor, sie ließen sich z.T. sofort als Angehörige europäischer Gattungen zuordnen (z.B. Epilobium, Potentilla), bzw. fanden wir viele Entsprechungen zu unserer subalpinen und montanen Flora.

Am selben Tage unternahmen wir noch eine Tagesexkursion, die zu einem benachbarten Sumpfgebiet unweit unseres Camps führte. Wir wollten uns insbesondere die Baumfarne näher ansehen. Allerdings hatten wir nicht so sehr auf das Wetter geachtet - plötzlich einsetzender und nicht enden wollender Regen zwang uns dann doch zum Rückmarsch. Völlig durchnäßt und durchgefroren erreichten wir das Camp und verkrochen uns auch gleich in unsere Schlafsäcke. Erst gegen späten Abend, nach einigen warmen Tee’s waren wir wieder einsatzbereit.

Fisch

Mir, unser Küchenmann, hatte im See einen großen, toten (in unserer Nase heftig stinkenden) Fisch gefunden, den er auch mit zum Camp brachte. Er sagte zu uns, heute abend gibt es Fisch zu essen. Wir drei schluckten, schauten uns fragend an und verspürten plötzlich keinerlei Hunger mehr.

Es war schon sehr dunkel geworden, als wir zum Abendessen gerufen wurden. Als wir unsere Sachen, die wir über eine Leine zum trocknen aufgehängt hatten, anziehen wollten, bemerkten wir, daß sich sehr viele Nachtfalter (v.a. Geometriden, Noctuiden und Micro´s) in unseren Sachen verkrochen hatten. So kamen wir ohne großes Zutun zu unserem ersten Nachtfang.

Im Küchenhaus roch es sehr nach Fisch. Wir erinnerten uns sofort an den stinkenden toten Fisch. Alban und Norman waren sehr skeptisch, nur André traute sich zaghaft, die mit Fisch angerichtete Speise zu probieren. Diese schmeckte tatsächlich sehr gut, aber Alban und Norman blieben skeptisch - bis Amos schließlich sagte, es sei Fisch aus der Dose. Als er uns dann die geöffneten Sardinendosen zeigte, hatten wir drei plötzlich wieder einen gesunden Appetit.

Die absinkende Nachttemperatur (teilweise bis 6°C), die hohe Luftfeuchte in der Nacht und die harten, schwankenden Holzplanken unter uns machten das Zelten nicht unbedingt zur Freude. Wenn am frühen Morgen jedoch die Sonne schien, so baute dies und (wenigstens für den Moment) wieder auf.

Auf Tour

Am zweiten Tag am Habema Lake (Do., 27.1.) unternahmen wir eine kurze Tour am See, kescherten, stellten eine Malaisefalle und eine Gelbschale auf. Das Wetter war kühl, trübe und nieselig. Am Nachmittag entschieden wir uns, schon einmal einen Nachtfang zu machen. Beim Vorbereiten bemerkten wir zu unseren Bedauern, daß auch unser Generator einige Schwierigkeiten mit der Höhenlage hatte. Er gab nur ein jämmerliches Gehäule von sich und erzeugte nur einen heftig schwankenden Strom. Unsere Speziallampe leuchtete daher sehr unregelmäßig und ging jeweils nach einer kurzen Brenndauer schnell wieder aus. Auch eine einfache Glühbirne mit 15 Watt zeigte keinen Erfolg. Es setzten sich daher nur recht wenige Falter an die aufgespannte Gardine. Das ständige Aus und An der Lampe zehrte zudem noch sehr an unseren Nerven. So brachen wir gegen 1 Uhr nachts den Fang ab – mit einer sehr bescheidenen Ausbeute. Auch in den folgenden Nächten haben wir nur solch einen kurzen Nachtfang veranstalten können.

Unser dritter Tag am See führte uns am Ufer entlang. Wir begegneten den Spuren der ersten Missionare: verrostete Kanister (ehemals für Benzin ?), den Landesteg im See. Ausgedehnte Flächen des eigentlich vor Feuchtigkeit strotzenden Gebietes waren vor nicht zu langer Zeit abgebrannt. Einzelne der Krüppelbäume hatten nur an wenigen Zweigen noch (oder wieder) frische Triebe. Aber das Moos und die Flechten besiedelten solche ausgebrannten Flächen recht schnell wieder – so unser Eindruck. Wir begegneten wieder zahlreichen Orchideen, Heidekrautgewächsen und Azaleen. Überhaupt waren die hartlaubigen (höheren) Pflanzen sehr stark vertreten - und als krasses Gegenstück dazu die Moose und Flechten. Besonders beeindruckend war eine Pflanzenart, die eine Symbiose mit einer Ameisenart eingegangen ist. Aufgrund ihres stacheligen Habitus nannten wir sie Igelpflanze. Aus der Literatur wissen wir, daß sie als Riesen-Myrmecodia bezeichnet wird. Ansonsten sahen wir vor allem Insekten (Libellen, Käfer, Grillen, etc.), nur selten einen Vogel oder einen Skink. Von den im Gebiet vorkommenden Beutelsäugern (vor allem Kuskusse) bekamen wir nichts zu Gesicht, lediglich einzelne Knochen waren zu finden.

km 34

Am Samstag machten wir eine weit ausschweifende Tagesexkursion entlang der Zufahrtsstraße etwas zurück nach Wamena und abwärts. An einer Stelle am Ende (oder besser: Beginn) der Habema-Lake-Senke, wo auch das in der Literatur sogenannte "Tal der Baumfarne" begann, stießen wir auf einen kleinen Rest eines dichten Nebelwaldes. Hier waren noch mehr Moose und wieder zahlreiche Flechten zu finden. Sittiche ließen von sich hören aber kaum sehen. An der Stelle war ein Pass mit einer guten Stelle für ein Camp. Würden wir hier eine Lichtfanganlage aufbauen können, so hätten wir Zuflug aus drei Richtungen und aus verschiedensten Biotopen zu erwarten. Wir überlegten an den folgenden Tagen schon, ob wir mit unserer Fangausrüstung dorthin aufbrechen und die letzte Nacht als Nachtfang ablaufen lassen sollten. Aber die Aussicht auf eine Schlepperei unseres gesamten Gepäcks über ca. 7 km unwegsames Gelände, die Kälte, die fehlende Hütte und vor allem die Probleme mit unserem Generator ließen uns bald von dem Gedanken wegkommen. Doch was nicht ist kann noch werden – vielleicht beim nächsten mal.

die letzten Tage

Der Sonntag begann mit einer längeren Unterhaltung in unserer Küchenhütte. Es ging unter anderem um ethnobotanische Fragen (z.B. traditionelle, natürliche Verhütungsmittel), um kulturelle Fragen, u.a. . Nachdem das Wetter sich anschickte eine kleinere Tour zuzulassen, begaben wir uns diesmal noch ein Stück weiter der Straße entlang, die wir hierher gekommen sind. Immer stärker werdender Nebel und Regen bewegten uns abermals zur Umkehr. Und wieder waren wir völlig durchnäßt im Lager angekommen – selbst Goretex-Kleidung hatte an einigen Stellen seine Grenze. Am Abend entschlossen wir uns, die Rückkehr nach Wamena schon auf Dienstag vorzuverlegen. Mir sollte sich auf den Weg machen uns ein Auto zu organisieren.

Der nächste Tag brachte uns etwas besseres Wetter. Wir herbarisierten einige der typischen Pflanzen dieser Gegend und fragten unsere Guides nach den lokalen Namen und eventueller Bedeutung für die Leute hier. Wir begannen schon mit den ersten Vorbereitungen für die Rückkehr. Am Nachmittag unternahmen wir noch eine letzte kleine Tour in der unmittelbaren Umgebung des Camps.

Abschied

Am Abschiedstag wunderten wir uns als Amos vor der Hütte Holz zusammentrug und dies anzündete. Wollte er sinnlos das zuviel herangeschaffte Holz abbrennen? Aber er klärte uns umgehend auf: die Einheimischen begehen einen Abschied mit einem kleinen Feuer. Es soll allen die es sehen können symbolisch zeigen: "Danke. Es war schön hier. Ich liebe den Dschungel." In dieses Feuer geben die Leute ein Gesteck mit drei Pflanzen – einem Heidekrautgewächs, eine unserem Zahntrost ähnliche Art und einen kleinen Enzian, sowie sämtliche Speisereste.

Der Transport des Gepäckes durch die sumpfige Senke zurück zur Straße gestaltete sich sehr schwierig. Es war kaum noch ein Weg zu erkennen – nur das Ziel. Knöcheltief im Sumpf war fast die Regel, wenn es nicht hin und wieder kleinere bultige Grashorste gab, auf denen man ein bißchen besser vorankam.

Nach einer Stunde des Wartens kam ein LKW, auf dessen teils schlammiger Ladefläche wir alles Gepäck unterbrachten und uns selbst (die Militärbegleitung fuhr in einem separaten Fahrzeug). Auf der Rückfahrt wurden wir wieder heftig durchgeschüttelt – bei den Straßenverhältnissen kein Wunder. Wieder sahen wir über etliche Kilometer die brandgeschädigten Wälder – hauptsächlich entlang dieser einen Straße.

Nach 9 Tagen, davon 6 Regentage, landeten wir schließlich wieder in Wamena. Zurückblickend war es doch ein sehr interessantes Gebiet mit vielen Erlebnissen und neuen Eindrücken gewesen. Nur damals waren wir sehr froh, nach den 9 Tagen Bergkälte, endlich wieder in wärmere Gefilde zu kommen.

Wamena 2

Unmittelbar nach unserer Ankunft im Hotel genossen wir die Möglichkeit, sich zu duschen. Dann aber galt es, die mitgebrachten Fänge zu sichern, d.h. die eingetüteten Insekten im selbstgezimmerten Ofen zu trocknen und dann in die vorgesehenen Behältnisse zu überführen.

Am Mittwoch führte uns die Tour entlang des Baliem-Flusses. Es ist hier nicht möglich zu verhindern, daß sich Einheimische anschließen, die uns beim Fang helfen und natürlich auch etwas dabei verdienen wollen. Allerdings ist es immer wieder eine Freude für uns gewesen, die Begeisterung der Kinder zu erleben, wenn sie eine große Zikade, einen bunten Käfer oder Schmetterling fangen konnten. Manchmal erwiesen sie sich geschickter im Fang als wir – oder vielleicht unbefangener, wenn sie z.B. eine große Wolfsspinne mit der Hand fingen.

Zum Schluß zeigte uns Kipenus sein Haus und seine Familie. Als wir bei ihnen eintrafen, waren sie gerade beim Vorbereiten eines kleineren Mumus, der typischen Form eines Festessens. Vorweg gab es Rotfrucht. Allerdings verzichteten wir darauf zu kosten, nachdem wir sahen, daß sie ungereinigtes Brunnenwasser zum Zubereiten verwendeten. Bei den Süßkartoffeln brauchten wir hingegen keine Bedenken haben, schließlich waren sie gedämpft und es wird vor dem Essen stets deren Schale beseitigt.

Bei den Dani von Yiwika und Soroba

Ankunft in Soroba

Die Dörfer Soroba und Yiwika waren das nächste Ziel, zu dem wir am Donnerstag (3.2.) aufbrachen. Nach kurzer Fahrt und kurzem Marsch gelangten wir nach Soroba, wo wir in einem sogenannten losmen – eine Art Herberge – untergebracht wurden. Dieses losmen war sehr sauber und gepflegt, wohl nur für Touristen angelegt. Wir haben durch unsere Führer erfahren, daß an diesem Abend ganz in der Nähe eine Hochzeit stattfindet, die wir uns ansehen sollten. So gingen wir wieder in Richtung Straße zurück – wie immer aber nur schleppend, da wir ständig beim Absammeln und Fangen von Insekten u.a. waren. Gleich an der Straße erhob sich ein steinrückenartiger Hügel in die Ebene, wo sich bereits einzelne Einheimische versammelt hatten und Feuer entzündeten. Sie alle warteten auf die Hochzeitsgesellschaft. In der Zwischenzeit des Wartens erfuhren wir wieder eine Menge aus der Geschichte, der Kultur der Menschen hier. U.a. war ein alter Mann dabei, der noch eine Verwundung eines Pfeiles aufwies. Seit der Ankunft der Missionare ist der kriegerische Umgang miteinander immer mehr zurückgegangen (und auch verboten worden). Das geht sogar soweit, daß es Ärzten verboten ist, Verwundungen von Pfeilen und Speeren zu behandeln. Die Wunde des Mannes stammte aber schon von der Zeit davor.

Einzelne Kinder hielten Schilfrohr über die Feuer. Anschließend schlugen sie damit auf den Felsen, wodurch das Schilfrohr knallend zerbarst. Auch die Erwachsenen machten hier mit (und sie konnten noch viel lauter knallen). Amos brachte uns Zweige bzw. Blüten von Pflanzen, die hier die Leute verwenden. Ein Blatt wird als Löffel verwendet, das nächste dient dem Wundverschluß (blutstillend!) und aus den Früchten einer dritten Art stellen die Leute hier Farbe her.

Hochzeit

Man erzählte uns, daß es eine Doppelhochzeit ist. Zwei Frauen aus Wamena heiraten zwei Männer aus einem Dorf hier in der Nähe. Etwa um 15 Uhr sollten die Frauen am Markt von Wamena losgelaufen sein, begleitet von zahlreichen Freundinnen und Verwandten. Es ist Tradition, daß man den Frauen auf dem Weg zum Bräutigam schon die typischen Tragenetze (Bilum) umhängt, teilweise schon mit gewissen Gaben drin. Die symbolische Bedeutung ist: sie wünschen der Frau, daß sie immer genügend zum Hineintun hat oder bekommt. Und so haben die Bräute oft 30, 40 oder mehr Bilums um die Stirn hängen, wenn sie bei der Familie des Mannes ankommen.

An der Spitze des Hochzeitszuges laufen drei bewaffnete Männer in festlicher Kriegertracht: bemalt, mit besonders langen und geraden Kotekas (Penisköcher), mit prächtigem Kopfschmuck, mit langen Speeren bewaffnet. Sie laufen stets ein Stück vor und dann wieder zurück, womit sie die bösen Geister vertreiben. Das ganze ging hier sehr stimmungsvoll ab, laut singend und rufend – man hörte die Hochzeitsgesellschaft schon von sehr weitem.

Die Bewohner dieser Gegend sind schon recht stark von der Zivilisation beeinflußt. Viele tragen trotz der Feierlichkeit "moderne" Kleidung. Die noch völlig traditionell "bekleideten" stellen sich vor uns in Pose. Sie kennen die Touristen, die gerne Fotos haben wollen und sie verlangen pro Foto 1000 Rupia. Das ist nicht viel (ca. 30 Pfennig). Aber wir wollen ja nicht einfach Touri-Filme machen sondern das original traditionelle dokumentieren. Daher war und ist es schwierig, ungestellte Fotos zu bekommen. Allerdings ist uns ein gestelltes Porträtfoto auch wichtig.

Der Zug kam bei einem Dorf an. Die Krieger liefen auf den Dorfeingang zu und zurück. Sie grüßten damit die Bewohner dieses Dorfes, an dem sie anschließend vorbeizogen.

Einer aus dem Zug hatte sich am Fuß verletzt. Ihre Erfahrung besagt, daß die weißen Menschen helfen können. So mußte André mit einem Pflaster und Salbe aushelfen. Und dies war nicht das letzte Mal, wo unsere Medizintasche zum Einsatz kam.

Der Hochzeitszug war im Dorf der Bräutigams angekommen. Die Frauen, welche den Hauptteil des Zuges ausmachten, gingen durch den Haupteingang. Die Männer nahmen die gewöhnlichen Zaunübertritte. Wir blieben derweil noch hinter dem Zaun stehen. Plötzlich rannten Frauen mit Speeren und Gabeln bewaffnet in unsere Richtung und stachen mit voller Wucht in den Zaun. Man sagte uns, sie vertreiben hiermit nur eventuell hinter ihnen befindliche böse Geister (nicht uns!), damit diese nicht die Hochzeitszeremonie stören. Schließlich wurden wir auch in das Dorf gebeten, wir sollten Fotos von der Zeremonie machen. Ein glücklicher Umstand, denn nur wenige Fremde dürfen solchen traditionellen Ritualen beiwohnen. Manche Familien lassen gar keine Touristen dazu, andere nur gegen viel Geld. Aber Amos ist ein Freund dieser Familie, was uns zugute kam.

Die Männer tanzten inzwischen vor der Hütte des Dorfchefs. Die Leute setzten sich nieder. Der eine Brautvater hielt ein Klagelied ab. Anschließend erhielten die Bräute noch mehr Bilums und weitere Geschenke. Wir übergaben dem Brautvater auch einen kleinen Obulus von je 10.000 Pupia.

Einige der Gäste und Verwandten hatten Schweine mitgebracht, die ins anschließende Mumu integriert wurden.

Ein fertiges Schwein wurde zerteilt. Einzelne Männer und eine Frau (die Brautmutter?) verteilten die Stücke an die in Gruppen sitzenden Frauen. Jeder bekam etwas ab, einschließlich wir.

Wenn an dieser Stelle noch kein Wort von den Bräutigams verloren wurde, dann deswegen, weil diese einfach noch nicht da waren. Sie kommen immer erst nach zwei – drei Tagen in Ihr Dorf zurück. Was wir heute erlebten, war eigentlich nur die "Übergabe der Braut an die Familie des Mannes". Die Hochzeit selbst erstreckt sich ja über einige Tage.

Die Dämmerung brach herein, wir konnten keine Filme mehr machen und zogen uns langsam nach Soroba zurück. In der Nacht wurde in diesem Dorf noch gesungen und getanzt. Wir überlegten, ob wir da noch mal hin gehen sollten.

In unserem losmen aßen wir zu Abend. D.h. mit uns waren noch elf weitere Einheimische, die gleichsam mit beköstigt werden wollten. Auffällig war, daß die Leute hier immer erst anfingen zu essen, wenn wir mit dem Essen fertig waren. Erstaunlich war auch, daß sie von dem übrigen satt zu werden schienen, was von unserem Essen übrig war. Unser Koch hatte aber wie immer sehr reichlich gekocht gehabt.

Außerhalb der Hütte hörten wir Musik. Sie kam von der Nachbarhütte, in der eine Gruppe junger Männer aus einem weiteren Dorf der Nähe für ihren Auftritt auf dem Hochzeitsfest probte. Es war ein einziges Lied, was sie mit Inbrunst spielten und sangen. André hatte sein Mitschnittgerät geholt und Aufnahmen angefertigt. Teilweise spielte er diese Aufnahmen ab, was die jungen Männer in Entzücken versetzte – das Wunder der Technik.

Soroba

Norman war sehr früh auf und begab sich nach draußen. Es war schon hell und noch immer waren Lieder und Gesänge aus verschiedenen Richtungen zu hören. Diese Leute gingen aber langsam schlafen, es wechselte in die allmorgendliche Geräuschkulisse mit den Vogelgesängen usw.

Der Vormittag des 4.2. bot uns die Gelegenheit in der Nähe des Flusses zu sammeln. Norman hatte das Glück, an einem Baum eine Reihe von Buckelzikaden zu keschern. Ansonsten bestand die Ausbeute vor allem aus Bienen, Libellen, Fliegen, Wanzen und einigen anderen Insekten.

Am späteren Vormittag sollte eine Zeremonie für uns beginnen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem losman befindet sich das Dorf Turowa, deren Bewohner sich schon auf diese Zeremonie vorbereitet hatten. Es wurde ein Mumu, das traditionelle Schweinefest.

Die Krieger des Dorfes begrüßten uns mit Gesängen. Anschließend begaben wir uns alle in das erwähnte Dorf. André hatte sich schon auf eine lange Filmzeit vorbereitet. Norman allerdings hatte nur noch wenige Bilder auf seinem Film. Wir wollen hier aber nicht viel zur Zeremonie schreiben, da bereits ein Film darüber fertig ist, der bei uns erworben werden kann ("Mumu", Dauer: 40 min.).

Im Film nicht zu sehen ist ein ungeplanter Vorfall. Kipenus vermißte plötzlich seinen Geldbeutel. Nach heftigem Palaver und vielen Verdächtigungen gegen einen älteren Dorfbewohner wurde er allerdings wiedergefunden. Man hatte zwischenzeitlich sogar das Mumu geöffnet, weil man vermutete, daß Kipenus es nur verloren hätte und es mit dem Grasmaterial ins Mumu gelangt sein könnte.

Aus diesem Dorf stammen auch einige der Ethnographika, die wir mitbrachten. U.a. solche für Touristen völlig unattraktiven Gegenstände wie die Holzgabel zum Steintragen. Unser Begehren, diesen Gegenstand mitzunehmen löste Verwunderung aus, denn die Dorfbewohner kennen kein Museum, wofür wir es vorgesehen haben.

Vor unserer Abreise trafen wir uns zu einem Gruppenfoto in der für die Dani typischen Männerbekleidung, den Penisköchern.

Papua

Die drei Teilnehmer der Phyllodrom-Expedition nach Papua Barat 2000, unser Guide und unser Koch (v.l.n.r.: Alban Pfeifer, Mir Yikwa, Norman Berg, Amos Yikwa und André Michalczyk) in dem losmen in Soroba.
Übergenommen von der Videokamera.

Yiwika

Am Sonnabend vormittag begaben wir uns mit dem Auto weiter nach Yiwika. Auf dem Plan stand die Mumie und die Cotilola-Höhle. An der Polizeistation von Yiwika hielten wir kurz an, um uns wieder anzumelden. Überall, wo man ist, muß man sich bei den örtlichen Polizeistationen melden. Es soll zu unserer Sicherheit dienen, aber wer weiß es genau.

Wir wurden wieder in einem losmen untergebracht, unmittelbar in der Nähe der Mumie. Allerdings war diese Hütte nicht sehr einladend, die Sauberkeit ließ sehr zu wünschen übrig. Auch klimatisch war es unerträglich, da unsere Hütte ein Wellblechdach besaß, wodurch sich der Innenraum mächtig aufheizte. Dagegen war es in Soroba echt paradisisch gewesen.

Als es gegen den späten Nachmittag etwas erträglicher wurde, brachen wir in Richtung Höhle auf. Man berichet, daß die Urahnen der Dani (Urmutter und Urvater) sich hier aufhielten, als sie hier herkamen. Von hier aus sollen sie das Land besiedelt haben. In dieser Höhle leben heute noch Fledermäuse, Höhlengrillen, Höhlenschaben und sonst kaum etwas.

Zurück im losmen saßen wir gemütlich am Abendtisch. Der Chef von Yiwika – Mr. Yali – kam zu uns. Er erzählte, daß er 43 Jahre als ist, 10 Frauen hat und daß er schon einmal in Japan war. Auf der Reise nach Japan soll er so bekleidet gewesen sein, wie ein traditioneller Dani sonst auch: Peniskoteka, etwas Schmuck und sonst nichts. Für uns unvorstellbar. Mr. Yali erwies sich als ausgezeichneter Maultrommelspieler. André hat einige Aufnahmen von ihm, wo er uns Lieder verschiedener Dörfer präsentiert.

Wenige Schritte von unserem losmen entfernt liegt eines der wenigen Dörfer im Baliem-Valley, die noch über eine Mumie verfügen. Der hier mumifizierte Mann soll inzwischen 364 Jahre alt und einst ein Häuptling gewesen sein. Diese Mumie wird ziemlich häufig hervorgeholt, um sie Touristen zu zeigen (gegen Bezahlung versteht sich). Durch diese Strapaze ist diese Mumie hier schon arg in Mitleidenschaft gezogen worden. André kannte die Mumie schon vom Vorjahr und erkannte sofort, daß sie sich den Arm gebrochen hatte.

Die Bewohner von Yiwika decken ihren Salzbedarf an einer Salzquelle an den nahe gelegenen Bergen. Der englische Name Salt-Lake führt allerdings zu falschen Erwartungen. André hatte uns vorgewarnt, damit derjenige, der wirklich da hoch will, nicht enttäuscht ist. Als wir uns in die Berge begaben zog es Norman vor, die kurze Zeit lieber dem Sammeln zu widmen, während Alban sich diese Enttäuschung nicht entgehen lies.

Am Nachmittag ging es wieder zurück nach Wamena.

Bei den Lani im nördlichen Baliem-Tal

Wamena

Montag, 07.02.2000. Wichtigste Aufgabe der Zwischenstops in unserer Basisstation, im Wamena-Hotel, sind stets die Aufbereitung der Aufsammlungen (trocknen und eintüten von Faltern, ordnen und wenden des Herbars, etc.) die Pflege und Versorgung der Lebendfänge. Nicht zuletzt sind die maroden "Duschen" eine willkommene Einrichtung für die persönliche Hygiene.

Es bleibt aber auch Zeit, sich in der Stadt selbst umzusehen. Am Montagnachmittag unternahmen wir einen "Stadtbummel", auch um mal zu sehen, was sich in den Souvenirläden noch an ursprünglichen und unverfälschten Ethnographika befindet. Im Stadtzentrum sind vier solcher Läden unmittelbar benachbart. Überall ist das gleiche drin und davor. Vor diesen Läden wartet jeweils die gleiche Schar Einheimischer, meist Dani-Männer, die ihre selbstgefertigten "Souvenirs" an den Mann bringen wollen.

Am Abend des 7. Februars nehmen wir das erste Mal wieder Kontakt mit Deutschland auf. Dort ist es noch Vormittag, da die Zeitverschiebung für Irian Jaya (Ost-Indonesien) 8 Stunden nach vorn gerechnet ist. Es gibt für uns keine besonderen bzw. beunruhigenden Mitteilungen aus der Heimat. Wir können also unbesorgt im Café Puspa unser Abendessen genießen - wie so oft ist ein Mie bzw. Nasi Goreng Special und der obligatorische Jus Alpokat angesagt. Unsere Ausrüstung, für die Fahrt am nächsten Tag, ist so gut wie gepackt. Uns ist nur noch ungewiss, ob wir nach Bokondini kommen oder nicht. Die letzten Mitteilungen, die Amos bekommen hatte, besagten, dass dort die Brücke gesperrt ist und dass an einer Stelle die Straße weggespült ist. André wollte aber gerne nach Bokondini. Norman war es ohnehin egal, er kannte die Gegend überhaupt noch nicht. Es kam ihm darauf an, eine möglichst "ertragreiche" Stelle zu finden.

Uns wurde gesagt, dass wir sehr früh starten werden. Dieser frühe Zeitpunkt rührte daher, weil die Fahrer noch am selben Tag wieder zurück sein wollten und ihre Erfahrung sagte, dass oft was dazwischen kommt - wodurch dann wenigstens noch die Chance für sie bestünde, zur Not zu Fuß und bei Tageslicht zu Hause oder bei Verwandten anzukommen. Beiläufig wurde uns auch mitgeteilt, dass noch ein indonesischer Geschäftsmann mitreisen würde. Jedenfalls gingen wir relativ früh schlafen, um fit für den nächsten Morgen zu sein.

Nach Bokondini

Um 5 Uhr sollte das Auto kommen. Es kam zwar nicht ganz pünktlich, aber immerhin noch vor dem Hellwerden. Unsere Guides, Amos und Mir, waren ebenfalls pünktlich, nur Kipenus fehlte. Wir verstauten unsere Ausrüstung in dem Wagen und fuhren erst einmal los, um den Indonesier abzuholen. Wir staunten nicht schlecht über die Menge an Gepäck, die er bei sich hatte und welches nun auch noch mit ins Auto musste. Zu guter letzt quetschte sich noch ein Papua des Indonesiers mit in den Wagen. Derart eingequetscht wie die Ölsardinen in ihrer Dose machten wir uns auf den Weg zu Kipenus Haus, der aber nicht auffindbar war. Hinterher hatte sich herausgestellt, dass er hinter seiner Hütte geschlafen hatte - und er hatte einen guten Schlaf - und wir ihn daher nicht fanden.

Die Fahrt in Richtung Bokondini zog sich hin. Die Straße war nur an manchen Stellen bestenfalls von der Qualität der land- oder forstwirtschaftlichen Wegen bei uns zu Hause. Oft war es ein ausgespülter Feldweg am Rande der Befahrbarkeit. Unterwegs kamen wir an einer Reihe von Dörfern vorbei. Eines davon war die Heimat von Amos.

Innerhalb einer Ansiedlung hatte der Wagen eine Reifenpanne, wodurch wir zu einem Zwischenstop gezwungen waren. Diese Stelle war aber leider nicht geeignet für eine kurze Sammelaktion - zu kulturell überprägt, recht strukturarm. Außerdem hatte der Fahrer den Schaden schnell behoben.

Während der Fahrt erzählte uns Amos nochmals, dass die Straße nach Bokondini wegen Erosionen zerstört ist und wir deshalb in Kelila bleiben müssen. Gegen 9 Uhr erreichten wir Kelila, stoppten an der Polizeistation und Amos erledigte die Formalitäten der Registrierung auf dem so bekannten Surat-Jalan. Die Situation danach erschien allerdings etwas konfus und planlos. Erst sollten wir unser Gepäck aus dem Auto holen, dann hieß es wieder einpacken und noch ein Stück weiterfahren, da Mir noch auf dem Markt etwas zu Essen für uns besorgen müsse. Der Markt war am Dorfrand. Wir fuhren deshalb durch den gesamten Ort, bis zum Marktplatz. Dort entluden wir das Fahrzeug, welches sich umgehend auf den Rückweg machte. Als dies geschehen war, gingen wir samt Gepäck in jene Richtung zurück, woher wir mit dem Auto gekommen sind (Polizeistation). Irgendwann ging es davon seitwärts ins Dorf hinein, wo wir uns in das Haus des ehemaligen Kirchenlehrers einnisten durften.

Das Haus bestand aus relativ gut zurechtgezimmerten Brettern, war aber vollkommen leer. Schnell wurden noch zwei Stühle besorgt, das war es dann. Zumindest machte es einen relativ sauberen Eindruck, viel besser als das Losmen in Yiwika. Wir bereiteten unsere Schlafstatt, unsere Ausrüstung etc. vor, während Mir das Essen zubereitete. Im Eingangsbereich des Hauses hatten sich Holzbienen Brutgänge in die Bretter gebohrt, flogen herein und wieder heraus. Einige davon befinden sich nun in unserer Sammlung.

Aderlass

Während Alban und Norman die derzeitige Ausbeute verstauten, konnte André ein besonderes Ereignis mit der Kamera aufnehmen. Mir, unser Küchenmann und Träger, hatte schon am Vortag über Knieschmerzen geklagt. Heute vollzog er ein Ritual, welches den Schmerz lindern sollte. Dazu verwendete er ein kleines, stabiles, 40 cm langes Bambushölzchen, einen Stein und einen kleineren angespitzten Zweig, welcher etwas stärker war als ein Zahnstocher. Zur Rechten Hand half ihm unser Küchen-Junge (im Alter von ungefähr 15 Jahren). Mir schlug mit dem Bambusstock auf seine Wade heftig drauf ein, in dem Bereich, wo sich die Bein-Vene befindet. Die Venenader kam daraufhin stark zum Vorschein. Der Junge nahm das Zweiglein und umwickelte ungefähr 0,8 mm von der Spitze des Zweiges entfernt, eine Rattanfaser als Ring um die Spitze. Jetzt setzte er das angespitzte Zweiglein auf die Beinvene an und nahm den Stein um mit diesem auf den Zweig 2x kräftig einzuschlagen. Das angespitzte Zweiglein rammte sich in die Beinvene. Die Rattanfaser als Bandarole, verhinderte ein weiteres eindringen (von über 8 mm) durch Anschlagen an das Fleisch des Beines. Durch sofortiges Herausziehen des Zweiges und der einhergehenden Verletzung der Beinvene schoß ein Blutstrahl von ungelogen 30 cm aus der Wade (!). Der Blutfluss hielt, unterstützt durch pressende Beinbewegungen, ungefähr 1 Minute an, bis dieser versiegte und das Blut auch deutlich in seiner Konsistenz dicker wurde. Mit einigen Blättern wischte dann Mir sich seine rechte Wade ab. Diese Prozedur wiederholte er auch noch an seinem linken Bein. Er berichtete das dieser Aderlass ein weit verbreitetes Heilmittel der Lanis sei und er das auch schon mit seiner Rückenvene bereits 5x vollzogen hätte. Hierzu wird die Ader am Rücken (über der Wirbelsäule) am Lendenwirbel eingestochen und eine (nicht desinfizierte) Bambussehne von 2 mm Stärke und 1 m Länge in Richtung Hinterkopf, nach oben eingeführt, bis diese deutlich merkbar am Hinterkopf über dem Halswirbel angekommen ist. Mit vollster Schnelligkeit wird nun die Bambussehne aus der Vene nach unten herausgezogen und den herausschießenden Blutstrahl abgewartet. Dies soll allgemeine Schmerzen am Körper und im Kopfe lindern. Die Erkrankung / das Leiden wird somit ausgewaschen, sagte uns Mir. Uns ging schon der Gedanke daran durch Mark und Bein.

Kelila

Nach dem Lunch begaben wir uns auf die erste Tour. Zuerst ging es zum Fluss hinab und den daran anschließenden Hang hinauf, wo noch recht viel Wald war, auch nicht mehr von ursprünglichem Typus. Wir bekamen hier zahlreiche Schmetterlinge zu Gesicht, die jeden Laien zur Verwirrung bringen: die Bläulinge waren weiß mit schwarzen Punkten, die Weißlinge waren gelb. Allesamt waren es aber recht kommune Arten. In einer Bananenplantage konnten wir zahlreiche Ohrwürmer finden, von denen wir einige für die Zucht und Beobachtung für Danilo Matzke mitnahmen. In einer kleinen Seitenschlucht des Baches stießen wir auf eine Gruppe von Kindern aus dem Dorf. Eines trug einen jungen Grünen Baumpython bei sich und zeigte ihn uns. Möglicherweise dachten sie, dass sich die Fremden vor solch einer Schlange fürchten würden. Doch wir wussten von der Harmlosigkeit des Baumpython und so nahmen auch wir ihn auf den Arm, um ihn von nahem bewundern zu können. André nahm die Gelegenheit wahr, dieses Tier im Gebüsch zu filmen. Leider kam er der Schlange ein bisschen zu nahe und wurde in den Daumen gebissen. In solch einem Falle ist es ratsam, die Wunde mit Antiseptikum zu reinigen. Die Einnahme eines Antiallergikums (z.B. Lisino) kann bei unbekannten Schlangenbissen gute Dienste leisten und einem allergenen Schock vorbeugen.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft durchquerten wir nochmals die Schlucht des Baches, aber diesmal ein reichliches Stück bachaufwärts über eine Hängebrücke. Auf dieser Seite des Hanges kamen wir an einer Stelle vorbei, die uns geeignet erschien für den geplanten nächtlichen Lichtfang. Einerseits war sie für uns gut zu erreichen, andererseits konnte von dort aus in mehrere Strukturen hineingeleuchtet werden. Hier waren braches Kulturland, Gärten, Wald, feuchtkühle sowie etwas trocknere und wärmere Habitate vorhanden. Diese Stelle behielten wir im Hinterkopf für den nächsten Abend.

Eine kulturelle Abendveranstaltung

Nach der Tour waren wir alle sehr müde. Es wurde aber angekündigt, dass Kinder zum Singen kommen würden und wir noch nicht schlafen gehen sollten. Gegen 21 Uhr kamen dann auch 12 Kinder mit zwei Gitarren und boten typische Lieder der Lani dar. Nicht sonderlich virtuos oder melodisch, die Gitarren auch nicht gerade gestimmt - doch diese schlichte Art war auf ihre Weise beeindruckend. André nahm die Gesänge mit Videokamera und Tonbandgerät auf. Es entstand eine wahrhaft traumhaft schöne Atmosphäre - bis ein wütend rufender "Vater" ins Haus stürzte und die Jungs ins Männerhaus jagte. Auch wenn in diesem Dorf schon einige westliche Gepflogenheiten Einzug gehalten hatten - die Tradition erlaubte hier eben doch noch nicht alles. Wir mussten es halt so akzeptieren. Andererseits hat uns der anschließende Schlaf auch gefehlt.

2. Tagestour bei Kelila

Am Morgen des 9. Februar haben wir in aller Ruhe gefrühstückt. Mir hatte wieder diese gezuckerte Kondensmilch besorgt, die uns schon in Yiwika begeisterte.

Nach der ausgiebigen Stärkung begaben wir uns auf unsere zweite Tour. Diesmal wollten wir etwas bergaufwärts gehen. Ein Stückchen die Straße zurück in Richtung Wamena. Aber schon am Dorfrand wichen wir vom ursprünglichen Plan ab. Ein kleiner Bach sprudelte aus einer engen bewaldeten Schlucht, von der wir magisch angezogen wurden und in die wir schließlich einschwenkten. Hier ging es nur Stückweise vorwärts. Das lag aber nicht an der Undurchdringlichkeit des "Dschungels" sondern an der Reichhaltigkeit von Flora und Fauna, die uns kaum von der Stelle kommen lies. Übermannshohe Farne waren zu sehen, kleine Krabben, ein Zweig mit einer Traube von Blattwespenlarven, unzählige Tagfalter, Heuschrecken, Stabschrecken und Wandelnde Blätter.

Nur gut, dass sich wie immer einige Einheimische um uns herum geschart hatten, die uns beim Sammeln halfen. Sie waren einerseits geschickt im Gelände, andererseits hatten sie einen Blick für viele interessante Dinge. Leider waren einige von den Leuten übereifrig und brachten alles mögliche an, zu oft wurden auch hier unvollständige Pflanzenteile angebracht, abgeflogene Falter in der hohlen Hand oder einfach hundertmal dasselbe.

Ein besonderes Mitbringsel aus dieser Schlucht ist eine Wasserspinne (Familie: Pisauridae), die wir nach unserer Rückkehr im Phyllodrom intensiv beobachten und filmen konnten - die Häutung, das Tauchen, das Jagen auf der Wasseroberfläche und das Fressen.

Die Ausbeute aus dieser kleinen Schlucht war überhaupt für uns alle sehr zufriedenstellend, sodass wir selbst schon gespannt sind auf die Resultate der anstehenden wissenschaftlichen Aufbereitung und Auswertung.

Gegen 15.30 Uhr waren wir alle wieder zurück. Mir hatte schon lange das Essen fertig gehabt.

Nachtfang in Kelila

Nach dem Lunch begaben wir uns an die Vorbereitung des Lichtfanges. Es hatte sich aber selbstverständlich herumgesprochen, dass Weiße im Dorfe waren. Und wo solche Leute auftauchen, finden sich diejenigen ein, die irgendwelche Wehwehchen haben. André hatte erst einmal das halbe Dorf mit Schmerztabletten gegen Kopf- und Gliederschmerzen zu versorgen, verteilte Gewürznelken gegen Zahnschmerzen und sonstiges, während Norman seine Hinweise in ein brauchbares Englisch übertrug, was Amos dann wiederum in Lani übersetzen musste. Es bleibt zu bezweifeln, dass die Leute viel davon haben, von dem sie zu sich genommen haben - die Ursachen ihrer Leiden können wir bei dem kurzen Aufenthalt und vor allem mit unseren nach wie vor bescheidenen Mitteln und medizinischen Kenntnissen nicht beseitigen. Aber vielleicht gilt es auch für die Papuas: Wer glaubt, dem hilft`s. Am Folgetag hatten wir da einen besonderen Fall, auf den wir später noch eingehen werden.

Obwohl wir selbst nicht mehr daran glaubten, konnten wir mit dem Aufbau der Lichtfanganlage noch fertig werden, bevor es vollends dunkel wurde. Die Verarztung der Dorfbewohner hatte uns ganz schön in Zeitverzug gebracht. Aber schon kam das nächste Problem: der Generator streikte. Nachdem wir ihn auseinander und fast wieder zusammengebaut hatten, erkannten wir die Ursache - es war einfach nur vergessen worden, die Lüftung des Tanks zu öffnen (sie musste beim Transport zu sein). Ab ca. 18:30 Uhr konnten wir mit dem Lichtfang beginnen. Mehr als ein Dutzend Kinder und Erwachsene weilten neugierig um uns herum.

Der Generator lief recht ruhig und lieferte zuverlässig Strom für unser Licht. Wir hatten wieder vorsorglich die Schwarzlichtlampe und eine normale Lampe gekoppelt, was jedoch hier nicht unbedingt nötig war. Recht bald kamen Falter an die Leinwand geflogen. Alban und ich arbeiteten mit den Fanggläsern, während André im Hintergrund mit eintüten vollends beschäftigt war. Da er mit dem massig gefangenen Material aber nicht hinterherkam, musste ihm Alban sehr bald behilflich sein.

Die wartenden Einheimischen waren in voller Begeisterung dabei und zeigten auf jedes besonders große bzw. attraktive Tier mit den Fingern. Einige fingen die Falter mit bloßen Händen und wir hatten alle Mühe es ihnen auszureden, da sie ja die Falter damit kaputt machten. Sie hatten ihren besonderen Spaß, wenn eine der großen Zikaden anflog. Man brauchte hier ihre Sprache nicht zu verstehen ...

Zu fortgeschrittener Zeit kamen die ersten Herkulesfalter als typische Bewohner des Kulturlandes ans Netz. Die meisten Exemplare wiesen schon gewissen Beschädigungen an den Hinterflügelfortsätzen auf. Einzelne dieser durch ihre Größe und ihr Aussehen beeindruckend Exemplare wurden als Belege mitgenommen.

Die Mikrolepidoptera waren von Anfang an zahlreich an der Leinwand und fanden sich bis in die frühen Morgenstunden dort ein. Das Artenspektrum am Morgen war teilweise verändert, teilweise dem der Abenddämmerung gleich.

Bei den Schwärmern gab es eine gewisse Stoßzeit in den späteren Abendstunden. Auch diese Tiere erregten die Aufmerksamkeit der Einheimischen - nicht zuletzt weil sie mit einer Spritze abgetötet werden mussten. Die Lanis kennen derlei Instrumente nicht, haben aber schon von Impfungen und Injektionen gehört.

Speziell mit Hinsicht auf unsere Vereinsmitglieder Dr. D. Stüning und M. Schaarschmidt wurden alle Grünspanner eingesammelt, die sich an der Lichtfanganlage niedergelassen hatten. Da diese Unterfamilie bei den meisten Artengruppen einerseits eine hohe Variabilität aufweist und andererseits die Unterscheidungsmerkmale nahe verwandter Arten mehr im mikroskopischen Bereich liegen, muss man möglichst alles Material mitnehmen, um auch die wissenschaftlich wichtigen Besonderheiten mit zu erwischen, die mit dem bloßen Auge und für den Nichtfachmann schon gar nicht zu erkennen sind. Nach kurzer Anleitung durch André hatten die beiden anderen recht bald einen Blick für diese Tiergruppe erhalten. So konnte Norman diese Gruppe nahezu "sortenrein" ablesen und André bzw. Alban konnten diese anschließend getrennt von den anderen Schmetterlingsfamilien eintüten.

Ein besonderes Ereignis war der Anflug der ersten Milionia-Exemplare. Wir wussten, dass Michael großen Wert auf diese Tiere legt. Sie kamen recht spärlich und vor allem recht spät angeflogen.

Gegen 22 Uhr begab sich Alban und Norman zum Essen, während André und Amos, an der Lichtfanganlage, weitermachten. Es gab das am Nachmittag bei lebendigem Leibe (!) gerupfte Huhn zu essen. Allein die Erinnerung an diese Tierquälerei ließ das Hühnchen nicht so recht schmecken. Zäh wie Leder war das Vieh außerdem noch. Satt geworden sind wir jedoch auch dieses mal. Mir war ein zuverlässiger Koch. Wir wechselten danach André und Amos an der Anlage ab, die nach uns essen gingen. Amos blieb anschließend in der Hütte, um zu schlafen.

Noch immer waren einige der Dorfbewohner an unserer Lichtfanganlage und dösten vor sich hin. Sie waren sicher müde, wollten jedoch wohl nichts verpassen. Es müssen vorwiegend jene Leute gewesen sein, bei denen nicht ganz so strenge Regeln herrschten (siehe Vorabend mit den Kindern), denn es waren auch noch ein paar Jungen dabei. Der Besitzer des Grundstückes, an dem unsere Anlage stand, war mit seinem Sohn sogar bis gegen 3 Uhr bei uns, bis auch sie sich schlafen legten. Im Nachhinein wurde uns ein weiteres Mal die Änderung von Lebensgewohnheiten bewusst vor Augen geführt.

Um 1 Uhr morgens, hatten wir den Eindruck, dass nun alles da gewesen ist, was in der Gegend vorkommt und ans Licht kommt. Es kam zu diesem Zeitpunkt keine weitere neue Art mehr an die Gardine. Langsam wurde es auch kühler. Gegen 3 Uhr machten wir abwechselnd ein Nickerchen, währenddem die anderen weiter fingen, um Kräfte für den Morgen zu sparen, falls es noch mal interessant werden sollte.

Nun war es schon Donnerstag, der 10.2. Etwa um 5.15 Uhr begann sich der Himmel aufzuhellen und es kamen jetzt wieder neue Arten ans Netz, die wir jetzt gezielt absammelten. Etwa um 6 Uhr begannen wir mit dem Abbau der Anlage, eine halbe Stunde später hatten wir alles in unsere Kiste verpackt. Amos war inzwischen auch schon wieder da und half uns die Sachen zum Haus zurückzutragen.

Sichtlich ermattet legten wir uns umgehend in die Schlafsäcke, wurden aber bereits nach einer Stunde Schlummerschlaf zum Frühstück gerufen. Da es uns aber noch zu wenig Schlaf war, legten wir uns nach dem Frühstück gleich wieder hin.

Amos sagte, das Mittags dann ein Auto kommen würde und uns wieder zurück nach Wamena bringt. Wir sagten uns, das wir die Sachen schon schnell genug zusammenpacken könnten und ins Auto verstauen würden, wenn es dann kommen sollte.

Ein besonderer Fall

Im Dorf hatte sich herumgesprochen, dass André am Vorabend "Medizin" verteilte. Und schon bald standen die nächsten Kranken auf der Matte und wollten Hilfe haben. Wieder waren es Zahnschmerzen, kleinere Wehwehchen, aber auch ein Fall, der unser Gemüt stark erhitzte. Ein Mann kam mit recht heftigen Entzündungen im Genitalbereich. Uns war sofort die Ursache klar . Kleidungsgegenstände haben einen solch hohen Stellenwert, dass man alles anzieht, was man besitzt. Der Mann hatte drei Sport-Hosen übereinander an. Hygienemaßnahmen bekamen sie von denen, die diese "Errungenschaften der Zivilisation" ins Dorf brachten, nicht beigebracht. Es konnte also nicht anders kommen, dass die Leute in ihren Klamotten schwitzen und dass sich dort Bakterien und Pilze ansiedeln, ungehindert gedeihen und Entzündungen hervorrufen. Soweit wir die Leute kennen gelernt haben, bedarf es noch einiger Aufklärung, um ihnen die Bedeutung bewusster Körperhygiene unter den veränderten Bekleidungsgegebenheiten zu verinnerlichen. Mit entsprechender Salbe und eindringlichen Hinweisen zu deren Anwendung ausgestattet, verließ uns der Mann schließlich, wobei Norman sich nicht den Ratschlag verkneifen konnte, der Mann solle wieder seine Peniskoteka anziehen. Wir hoffen, dass der Entzündungsschmerz den richtigen Lernprozess in Gang setzt ...

Rückkehr nach Wamena

Mit dem Fußmarsch nach Bokondini und dem geplanten Besuch bei Sam Payokwa wurde aufgrund des Zeitmangels nichts. Amos sagte uns, daß Sam sowieso in Wamena sei und wir ihn dort heute treffen würden.

Das Auto, das uns abholte, war das gleiche, welches uns schon hierher brachte. Wir verstauten unsere Sachen, währenddessen aber ein Streit ausbrach. Der Grundstückseigner wo wir übernachtet hatten, wollte Geld haben, da wir auf seinem Grundstück übernachtet hatten. Zwar gehörte das Haus jemand anderem (mutmaßen wir mal) und ein Vertreter von dem hat uns die Erlaubnis gegeben zu übernachten. Damit war aber der Herr nicht einverstanden, wenn er nicht einen angemessenen Obolus für sich bekomme. Übrigens war es der gleiche Mann gewesen, der am ersten Abend wütend die singenden und Gitarre spielenden Jungen (und Mädchen) aus unserem Haus vertrieben hatte. Es gibt wohl überall streitsüchtige Leute.

Nachdem Amos ihm 20.000 Rupia (~ 5 DM) gegeben hatte, konnten wir uns auf den Rückweg nach Wamena begeben. Wir sehnten uns vor allem nach einer Prise Schlaf. Unterwegs achteten wir noch darauf, wo sich für eine nächste Reise in dieser Region noch intakte Wälder befanden, damit wir dann diese Stellen eventuell mal in einer späteren Reise gezielt ansteuern können. Wir haben uns vor allem die Gegend von Tenima und Poga notiert, wo der Wald noch in gutem und recht unberührtem Zustand erschien.

Der Fahrer (ein Indonesier) versuchte unterwegs des öfteren Fisch zu kaufen, den Einheimische am Straßenrand anboten. Er zeigte sich von einer sehr arroganten Art. Aus dem Fahrerfenster herauslehend fragte er die Leute etwas, fuhr dabei stets ein Stück vorwärts und ließ die Leute dem Auto hinterher rennen. Es ist kein Wunder, wenn die Papuas auf die Indonesier schlecht zu sprechen sind. Wir selber mussten uns heraushalten, es wäre unklug gewesen und würde unsere Aufgaben gefährden, wenn wir durch einen wohlgemeinten Protest die Aufmerksamkeit der indonesischen Behörden auf uns gezogen hätten. Ein ungutes Gefühl bei uns blieb aber.

Die nächsten Tage waren mit der Nachbereitung des Ausfluges und Packen voll ausgefüllt. Mit vielen Erlebnisssen haben wir Wamena verlassen und uns nach Sentani begeben, wo wir noch 2 sehr schöne Tage unter anderen auch am Strand vom Pazifik, verbringen konnten.

Norman Berg, André Michalczyk, M. Alban Pfeifer